Im vorigen Artikel haben wir die theologischen Grundpfeiler des Dispensationalismus erschlossen. Eine Lehre lässt sich jedoch selten allein aus ihren Aussagen verstehen, ebenso aufschlussreich ist die Frage, wann, wo und aus welchen Beweggründen sie entstanden ist. Dieser Artikel widmet sich deshalb dem historischen Hintergrund und der frühen Entwicklung der Brüderbewegung um John Nelson Darby.
Ein prophetisches Klima: Das 19. Jahrhundert
Um Darby und die Entwicklung seiner Lehren korrekt verstehen zu können, müssen wir uns zunächst dem Kontext des 19. Jahrhunderts widmen.
Das 19. Jahrhundert lässt sich historisch als eine von Sorge gekennzeichnete Epoche beschreiben. Der Umsturz etablierter sozialer Ordnungen, sowohl in Nordamerika als auch in Frankreich[1], sorgte für eine bemerkenswerte Unsicherheit über die Zukunft[2]. Dies markierte eine starke Veränderung gegenüber dem optimistischen Postmillennialismus, welcher im 18. Jahrhundert in Großbritannien vorgeherrscht hatte. Die sozialen Verwerfungen und der Niedergang der katholischen Kirche in Frankreich schufen ein sogenanntes „prophetisches Klima"[3][4]. Ein pessimistischer Prämillennialismus, welcher die soziale Ordnung als strukturell unveränderlich und dem Bösen verfallen betrachtete, erlebte ein erneutes Interesse. Dieses erneuerte Interesse an der Prophetie ging einher mit einer Fokussierung auf drei zentrale Themen: prophetische Chronologie, die zweite Wiederkunft Christi und die Wiederkehr der Juden nach Palästina[5]. Dieser Kontext bildet den Hintergrund, vor welchem wir die Ideen Darbys verstehen müssen.
Der eifrige Mann der Kirche: Darbys Werdegang (1800–1825)
John Nelson Darby wurde 1800 in Westminster geboren, verbrachte jedoch seine frühe Kindheit in Irland in einer Familie mit neun Kindern. Seine Bildung erhielt er zunächst an der Westminster School, wo er akademisch nicht besonders auffiel, und anschließend am Trinity College Dublin. Hier schloss er ein Studium der Klassischen Philologie (Classics) ab und erwarb dabei eine Goldmedaille, die höchste akademische Ehrung der Schule[6]. Obwohl ihn dies eigentlich ideal auf eine juristische Laufbahn vorbereitet hätte, kam es nie dazu: Im Jahr 1825 brach er seine Karriere ab, um Diakon in der Church of Ireland zu werden, und wurde bereits ein Jahr später zum Priester ordiniert[7]. Ein Jahr später wurde er dann schon als Priester ordiniert. Zu dieser Zeit besaß er jedoch noch nicht so etwas wie Heilsgewissheit, diese sollte erst mit seiner späteren Krisenerfahrung kommen. Obwohl er tief im anglikanischen Glauben verwurzelt war, betrachtete er die Verbindung von Kirche und Staat schon früh als „babylonisch"[8], eine Überzeugung, welche noch von erheblicher Bedeutung werden sollte. Generell war er von starkem religiösem Eifer geprägt. Mit dem Verlassen seiner Karriere gab Darby gleichzeitig sein vorheriges komfortables Leben auf und strebte danach, so zu leben wie jene, denen er diente. Wie prägend dieser asketische Lebensstil war, bezeugt folgende zeitgenössische Schilderung: "Die Ärmlichkeit seiner Kleidung und die körperlichen Folgen seines von Selbstverleugnung geprägten Lebens waren so ausgeprägt, dass F. W. Newman – Bruder des bekannteren John Henry Newman –, als er seine ersten Eindrücke von dem „irischen Geistlichen“ festhielt, ihn mit einem „Mönch von La Trappe“ verglich und eine Geschichte darüber erzählte, dass ihm von einer Person in Limerick ein halber Penny angeboten wurde, die ihn für einen Bettler hielt."[9] Zu dieser Zeit lässt sich Darby treffend als ein eifriger und strenger Mann der Kirche beschreiben.
Ein Dekret mit großen Folgen (1826)
Um den folgenden Wendepunkt in Darbys Entwicklung zu verstehen, ist ein kurzer Blick auf die institutionelle Stellung der Church of Ireland notwendig. "Während dieser Zeit genoss die Church of Ireland eine einzigartige Position. Wie die Church of England war sie die gesetzlich verankerte Staatskirche und genoss eine Sonderbeziehung zum Apparat der britischen Herrschaft in Irland. Sie war zudem eine Minderheitenkirche, die mit einer fremden und unterdrückerischen Herrschaft identifiziert wurde und im Gegensatz zum katholischen Glauben der Mehrheit der irischen Bevölkerung stand. Dieser Status wurde durch die Strafgesetze (Penal Laws) noch untermauert, welche die Ausübung des Katholizismus kriminalisierten und Katholiken von der Bekleidung politischer Ämter ausschlossen."[10] Vor diesem Hintergrund stellt das Jahr 1826 einen entscheidenden Wendepunkt dar. Der Erzbischof von Dublin verlangte von allen zum Protestantismus konvertierten Katholiken, einen Treueschwur zum König zu leisten. "Darby protestierte erfolglos gegen das Dekret."[11] Sein Widerstand erwuchs dabei wahrscheinlich nicht zuletzt aus seiner pastoralen Erfahrung, dass das Dekret einer Erweckung unter Katholiken, welche zum Protestantentum konvertierten, direkt entgegenstand[12]. In seinem Brief an den Erzbischof formulierte er den Einwand: „Der Suprematseid wird den Konvertiten vom Erzbischof vorgelegt, was – anstatt der in Knechtschaft befindlichen Seele die Tür zu Christus zu öffnen – den Eintritt in die Staatskirche zu einer notwendigen Bedingung macht. Und ich möchte zu bedenken geben, dass eine solche Maßnahme derjenigen Verhaltensweise überaus analog ist, die bei der Aufnahme der Heiden in Antiochia solche Schwierigkeiten verursachte, und einem schwachen Gläubigen einen Stein des Anstoßes in den Weg legt."[13] Darby verstand das Dekret als eine institutionelle Barriere, welche den Zugang zur Gemeinde an staatliche Bedingungen knüpfte — ein Motiv, welches in seiner späteren Ekklesiologie zentral werden sollte. Bereits in diesem Brief zeichnen sich Konturen einer Theologie ab, welche noch im Entstehen war. Wie ein Kommentar dazu festhält: „Der Brief stellte die Kirche als einen himmlischen Leib im Gegensatz zur Welt dar (später ein Hauptthema seiner Ekklesiologie); er präsentierte sowohl die protestantischen Kirchen als auch die römisch-katholische Kirche als in einem Zustand der Verderbnis befindlich und äußerte Besorgnis über formale Einschränkungen, die der Gemeinschaft auferlegt wurden."[14] Auch wenn Darby danach noch ein Jahr in seinem kirchlichen Amt verblieb, war die in ihm herrschende Unruhe vielleicht auch darin sichtbar, dass er begann, viel zu reisen.
Der Sturz: Eine Krisenerfahrung (1827)
Im Jahr 1827 lebte Darby bei seiner Schwester, um sich von einem Reitunfall zu erholen, und hatte dabei viel Zeit zur Reflexion. Diese Epoche in seinem Leben sollte sich als wegweisend für seine Zukunft herausstellen. Darby selbst schreibt hierzu in einem Brief an den Theologen Friedrich Tholuck: "Ein Unfall, der mir begegnete (mein Pferd scheute und warf mich gegen eine Haustür) brachte mich in die Stille und ließ das, was mein Herz bewegte, immer mehr zur Reife kommen."[15] Der wichtigste Effekt dieser Zeit war seine Bekehrung — doch begann er zugleich seine theologischen Ansichten zu entwickeln. Besonders seine Ansichten über die Kirche als ausschließlich geistlichen Organismus und wie diese organisiert sein sollte, nahmen nun Gestalt an. So schreibt Darby: "Es wurde mir weiter klar, daß die wahre Kirche nur aus denen besteht, welche mit Christo verbunden sind und daß die Christenheit, wie sie sich äußerlich darstellt, nicht die Kirche sein kann (abgesehen von der Verantwortlichkeit, die sie auf sich nimmt, wenn sie sich nach Christo nennt, an ihrem Platz eine sehr wichtige Sache), sondern in Wirklichkeit Welt ist."[16]
Dieser Gedanke — die scharfe Unterscheidung zwischen der sichtbaren Christenheit und der wahren, geistlichen Kirche — sollte zum ekklesiologischen Grundpfeiler seines späteren Systems werden. Auf diese Erfahrung hin begann Darby mit seinem charakteristischen Eifer das Evangelium zu predigen und erlebte zunächst auch Erfolg: Viele Hunderte Katholiken bekehrten sich zum evangelikalen Glauben und der Church of Ireland. Dazu entwickelte Darby jedoch eine immer größere Distanz. Gribben schreibt dazu:„Infolge seines Studiums der Heiligen Schrift zeigte sich Darby zunehmend bestürzt über den erastianischen Charakter der Church of Ireland – also ihren Status als staatlich etablierte Kirche. [17]
Die Entstehung einer Bewegung (1828–1830)
Darbys Verbindungen zur Kirche begannen sich von nun an immer mehr zu lösen und seine ekklesiologischen Ansichten formierten sich zunehmend. Auch wenn er um 1830 noch klar posttribulational dachte, nahm seine Lehre über die Kirche klarere Konturen an. Die Schlüsseltexte dieser Periode, Considerations on the Nature and Unity of the Church of Christ (1828) und The Notion of a Clergyman Dispensationally the Sin Against the Holy Ghost (1829), griffen die bestehende Kirchenstruktur direkt oder indirekt an.
Gleichzeitig traf Darby auf bereits bestehende Versammlungen, welche man später „Brüder" nennen sollte und welche sich unabhängig von einer institutionellen Kirche versammelten. Diese Versammlungen verstanden sich als Wiederherstellung der ursprünglichen Christenheit, während sie die großen etablierten Kirchen im Ruin sahen[18]. Darby schreibt über diese retrospektiv:"Die Staatskirche war mit der Welt verbunden und selbst Gläubige waren darin verstrickt, obwohl Christus sie von der Welt getrennt hatte."[19] In Dublin traf er auf Christen, welche dieselben Bedenken über den Zustand der Kirche hegten. Darby beschreibt jene frühen Zusammenkünfte: "Nur vier Personen, die sich ungefähr in demselben Zustand wie ich befanden, kamen in meiner Wohnung zusammen und wir unterhielten uns von diesen Dingen. Ich machte den Vorschlag, am nächsten Sonntag das Brot zu brechen, was dann auch geschah. Andere sind dann noch dazu gekommen."[20] In Dublin bestanden zu diesem Zeitpunkt drei solcher Versammlungen, welche sich zum Ende der 1820er Jahre zu einer Versammlung zusammenschlossen. Doch die Bewegung beschränkte sich nicht auf Dublin: Auch in anderen Orten wie Plymouth (unter der Führung von B. W. Newton), Barnstaple, Bristol (wo Georg Müller predigte) und London entstanden Versammlungen, welche sich nach diesen Prinzipien zusammenfanden. Darby übernahm dabei eine fast „apostolische" Rolle als reisender Prediger und Briefschreiber[21].
In diesen Versammlungen bildete das Brotbrechen den sichtbaren Ausdruck ihrer Konzeption christlicher Einheit und stand zugleich im Zentrum der wöchentlichen Zusammenkünfte. Gribben schreibt zu den Voraussetzungen: "Für die Teilnahme daran [d.h. am Abendmahl] war die einzige Voraussetzung weder die Taufe, noch die Konfirmation oder die Mitgliedschaft in einer bestimmten kirchlichen Gemeinschaft, sondern schlicht der christliche Glaube und ein Lebenswandel, der diesem entsprach."[22] Anfänglich fand das Brotbrechen an einem Montag statt, sodass auch Christen aus anderen Versammlungen teilnehmen konnten, sowohl Katholiken als auch Protestanten.
Powerscourt, Prophetie und Sezession (1830–1834)
Wichtig für die Formierung und Verbreitung der Lehren Darbys waren die sogenannten Powerscourt-Konferenzen (1830–1838), benannt nach der aristokratischen Witwe Theodora Powerscourt, welche die Konferenzen auf ihrem Anwesen in County Wicklow ausrichtete. Sie dienten als einigende Kraft für die verschiedenen entstandenen Brüderversammlungen[23]. Die erste dieser Konferenzen fand im Jahr 1831 statt. „Anfänglich versammelten die Konferenzen ein ziemlich typisches Spektrum von Prophezeiungsstudenten: Die Treffen wurden von Robert Daly, dem evangelikalen Pfarrer der Gemeinde, geleitet, und eine Reihe von Irvingianern nahm ebenfalls daran teil."[24] Besonders zum Höhepunkt der Konferenzen (1833) machten die Brüder jedoch einen immer größeren Teil aus, und der damit einhergehende Antiklerikalismus führte zu einem Rückzug Dalys zugunsten einer größeren Einflussrolle für Darby.
Während der 1830er Jahre begann auch Darbys Entwicklung der Lehre einer geheimen Entrückung, welche einer siebenjährigen Tribulation vorangehen würde. Clarke kommentiert: "Dies war der Beginn der dispensationalistischen Sichtweise auf Prophetie, die später auch außerhalb der Brüderbewegung enorme Popularität erlangen sollte."[25] Die dritte Powerscourt-Konferenz 1833 markierte dabei einen wichtigen Wendepunkt, da sie als erste Versammlung der neuen Gruppe als Ganzes bezeichnet werden kann. Darby nutzte sie, „um seinen Angriff auf den Abfall der Kirchen fortzusetzen und die Notwendigkeit zu betonen, dass sich alle wahren Gläubigen allein im Namen des Herrn versammeln sollten". Er brachte auch „die Ideen einer geheimen Entrückung der Gemeinde und einer Klammer [eines Zeitraums] in der prophetischen Erfüllung zwischen der neunundsechzigsten und der siebzigsten Woche Daniels [in die Diskussion in Powerscourt] ein." [26] Diese Lehren sollten noch zu starken Meinungsverschiedenheiten mit Newton führen, doch zu diesem Zeitpunkt kam es noch nicht zu einer Trennung. Darby blieb auch bis 1843 in beiden Fragen offen.[27]
Im selben Jahr 1832 kam es schließlich zur endgültigen Entfremdung Darbys von der Church of Ireland, ausgelöst durch seinen Konflikt mit Erzbischof Whately von Dublin. Dieser "hatte Maßnahmen gebilligt, [welche] die biblische Erziehung in Schulen einschränkten, um die Römisch-Katholischen zu besänftigen". [28]
Darby reagierte darauf mit ungewöhnlicher Schärfe: Eine unheilige Ehe zwischen Unglauben und Papsttum [...] deren Aufgebot in diesem unglücklichen Land zum ersten Mal veröffentlicht wurde, hat, falls sie nicht hinreichend entlarvt wird (da ich glaube, dass niemand das Übel darin ausreichend empfinden kann), dennoch Anlass zu einem so lautstarken Ausdruck von Prinzipientreue gegeben, wie ich hoffe, dass er, unter Gott, denen Stabilität verleihen wird, die andernfalls vielleicht in Verstrickungen geraten wären, und den öffentlichen Ausdruck des Rechts hier zumindest vor Gott aufrechterhalten wird, wo doch jedes Prinzip und jede Treue Ihm gegenüber so abscheulich angegriffen worden sind."[29] Des Weiteren bezichtigte er den Erzbischof des Sabellianismus (Leugnung der Personenunterscheidung in der Trinität) und damit der Irrlehre. Clarke fasst die Tragweite dieses Vorfalls zusammen: „Dieses Ereignis wandte Darby unwiderruflich gegen die Staatskirche."[30]
1837 verließ Darby Großbritannien und reiste in die Schweiz. Auch wenn seine Motive dafür nicht ganz deutlich waren, diente dieser Aufenthalt als eine Zeit, in welcher er viel schrieb und seine Lehren verfeinerte und verteidigte.[31]
Fazit
Zusammenfassend lässt sich Darbys Werdegang und die Entwicklung seiner Lehren vor dem Hintergrund seiner Zeit nachvollziehen. Die sozialen und politischen Umbrüche des 19. Jahrhunderts begünstigten ein erneutes Interesse an apokalyptischem Gedankengut. Darbys spezifische Konzeption von Kirche und Endzeit lässt sich dabei zugleich auf seine Unzufriedenheit mit der Staatskirche und die Konfrontation mit ihr zurückführen.