Wer das Neue Testament aufmerksam liest, dem wird auffallen, dass viele Briefe, besonders die von Paulus, sehr ähnlich und teilweise mit wörtlichen Überschneidungen beginnen. Doch woran liegt das und können wir daraus etwas lernen?
Das Neue Testament besteht in großen Teilen (21 von 27 Büchern) aus dem Genre "Brief" (gr. epistolai), wobei dieses Genre gewissen literarischen Standards der Antike folgt. Am deutlichsten erkennt man dies bei den Paulusbriefen zu Beginn und zum Schluss[1]. Dabei möchte ich vier Elemente eines gewöhnlichen Briefeingangs betrachten (Autor, Adressat, Gruß und Gebet), was uns sowohl hilft, die Briefe als Ganzes besser zu verstehen, als auch zeigt, wie viel Theologie bereits in den ersten Zeilen steckt.
Ein Brief in der Antike enthielt normalerweise mindestens den Autor, die Adressaten und einen Gruß, oft jedoch auch noch zusätzliche Grüße und gute Wünsche z.B. für die Gesundheit[2]. Dabei verbinden "[d]ie neutestamentlichen Briefe [...] gewöhnliche Muster mit christlichen Neuerungen"[3]. Das heißt: Obwohl sie den gewöhnlichen Konventionen ihrer Zeit teilweise folgen, füllen sie diese mit christlicher Theologie[4]. Dies ist außergewöhnlich, da die Vorstellung davon, wie man damals einen Brief zu beginnen hatte, sich mit der Zeit immer mehr etablierte, so dass sie zur Zeit des Paulus wohl ein festes Protokoll bildete. Umso erstaunlicher ist es, dass er davon teilweise abweicht, was uns wohl deutlich signalisiert, dass wir aus diesen Grüßen viel lernen können[5].
Autor
Die meisten neutestamentlichen Briefe beginnen damit, dass der Autor sich vorstellt. Dabei ist oft an den Namen ein Titel angehängt, wie beispielsweise Apostel. Dies kann dazu dienen, „um anzuzeigen, dass er als jemand schreibt, der speziell von Gott beauftragt wurde, einen apostolischen Dienst auszuüben"[6], wie Thiselton hier passend zu Paulus' Nutzung im 1. Korintherbrief schreibt. Moo schreibt so auch zur Benutzung des Wortes Apostel (gr. apostolos) im Römerbrief: „[...] hier hat der Titel eine gewichtigere Bedeutung und weist Paulus als Teil jener einzigartigen Gruppe aus, die von Christus selbst berufen wurde, die heilsgeschichtliche Rolle als „Fundament“ der Gemeinde einzunehmen (Eph 2,20). Denn der auferstandene Christus erschien ihm (1 Kor 15,8) und erwählte ihn für seinen besonderen Auftrag unter den Heiden (Röm 11,13; vgl. 1 Tim 2,7; 2 Tim 1,11)."[7] Je nachdem, welcher Titel benutzt wird, kann dies auch eine theologische Bedeutung haben. Towner schreibt so über die Benutzung des Titels Apostel und dessen Abwesenheit in manchen Briefen: "Es ist typisch für die Paulus zugeschriebenen Briefe, dass eingangs auf sein Apostelamt Bezug genommen wird. Ausnahmen von diesem Muster fallen in jenen Briefen auf, in denen das Freundschaftsmotiv eine wichtige Rolle spielt."[8] Paulus nennt sich des Weiteren beispielsweise auch Sklave zu Anfang von Briefen (z.B. Röm 1,1), wenn auch deutlich seltener als Apostel. Wie der Autor sich vorstellt, ist also zusammenfassend wichtig, da es uns manchmal etwas über den Brief im Generellen verraten kann und auch theologisch relevant ist, beispielsweise für ein Verständnis des Amtes des Apostels.

Manchmal können darüber hinaus aber auch mehrere Personen am Anfang des Briefes als Mitabsender genannt werden. Dies ist bemerkenswert, da so eine Praxis in der griechischen Antike nicht gewöhnlich war, und trotzdem macht Paulus es recht gewöhnlich[9].

Köstenberger & Patterson schreiben hierzu: "Diese Mitabsender waren nicht zwangsläufig auch Mitverfasser, sondern wurden aus verschiedenen anderen Gründen genannt – etwa um der Gemeinde den Aufenthaltsort von Personen mitzuteilen, die ihr bekannt waren, oder um die Autorität des Überbringers eines bestimmten Briefes zu untermauern."[10]
Adressat
Der zweite wichtige Bestandteil eines Briefes ist der Adressat. Dabei kann dies sowohl eine Gemeinde wie beispielsweise die Gemeinde in Korinth sein als auch eine Person wie beispielsweise Timotheus. Des Weiteren kann ein Brief auch indirekt an andere Gemeinden mitgerichtet sein, wie wir im Fall vom Kolosserbrief erkennen können (Kol 4,16). Wie genau die Gemeinde beschrieben wird, kann dabei unser theologisches Wissen über die Gemeinde als Gottes Volk erweitern. So wird die Gemeinde in Korinth beispielsweise als "Geheiligte" (1.Kor 1,2) angesprochen und das trotz all der Sünde in der Gemeinde. Dies richtet unsere Augen darauf, dass die Gemeinde in ihrer Stellung geheiligt ist, also abgesondert, um Gott zu dienen, und dies nun auch in ihrem Verhalten zeigen soll[11].
Auch bei Einzelpersonen kann ihre Beschreibung aufschlussreich sein. So nennt er Timotheus sein echtes Kind im Glauben (1.Tim 1,2 vgl. a. Tit 1,4), basierend darauf, dass dieser sich wohl durch Paulus' Dienst bekehrt hat. Towner kommentiert hierzu: "Führt man diese Elemente zusammen, ergibt sich ein Bild, das Verantwortung (wie die eines Kindes gegenüber dem Vater oder eines Jüngers gegenüber dem Lehrer) und eine enge kindliche Beziehung umfasst."[12]
Gruß
In seinen Grüßen verändert Paulus die gewöhnliche Grußformel χαίρειν [Sei gegrüßt] auf eine spezifisch christliche Weise. Dementsprechend wurde seine Grußformel, welche normalerweise Gnade und Friede enthält (in den Pastoralbriefen noch Barmherzigkeit), schon recht früh theologisch gedeutet. „Tertullian (um 210) merkt an, dass die Vermittlung von Gnade ein früheres Bedürfnis nach Versöhnung voraussetzte, während Frieden eine vorherige Zeit der Rebellion voraussetzt. Er deutet beides als Aspekte einer objektiven Beziehung zu Gott."[13] Oft wird seine Grußformel mit einer Kombination aus einer leichten Abwandlung der griechischen Grußformel (aus χαίρειν wird χάρις) und dem jüdischen Gruß (εἰρήνη, hebr. שׁלום, shalom) erklärt. „Die Verwendung sowohl einer griechischen als auch einer hebräischen Grußformel" könnte laut Köstenberger und Patterson "darauf hindeuten, dass Paulus an ein gemischtes Publikum aus Juden und Heiden schrieb, was nahelegt, dass beide Gruppen vor Gott dieselbe Stellung hatten (vgl. Gal 3,28–29)".[14] Fitzmyer nennt dazu noch die Alternative, dass der Gruß auf den aaronitischen Segen aus 4. Mose 6,24-26 anspielt[15]. Dieser Gruß weist uns Christen also auf eine Reihe an wichtigen theologischen Konzepten hin und sollte so immer beachtet werden.
Gebet
Während der Gebetsteil in der Antike oft das Wohlgesonnensein der Götter für den Adressaten behandelt, wandelt Paulus dies um und dankt stattdessen für die Rettung und Segnung durch den Herrn Jesus. Des Weiteren greift das Gebet oft wichtige Themen auf, die im Brief zentral sein werden. In 1. Korinther etwa erinnert Paulus die Leser an geistliche Gaben und Segnungen, die sie als Ergebnis von Gottes großzügiger Gnade besaßen, welche jedoch zu Problemen in der korinthischen Gemeinde führten[16]. Des Weiteren dienen die Danksagungen manchmal dazu, theologische Konzepte neu zu lehren oder sie wieder in Erinnerung zu rufen, manchmal können sie sogar einen ermahnenden Charakter haben (Kol 1,9-11)[17]. Dabei ist generell bemerkenswert, dass Paulus trotz teils widriger Umstände fast immer dankte, und es zeigt auch seine Beziehung zu den Gemeinden und Personen.
Anwendung
Paulus' Nutzung der damaligen Briefkonvention auf eine christliche Weise kann auch für uns heute aufschlussreich sein. Dass er "die gesellschaftlichen und literarischen Höflichkeitsformen seiner Zeit keineswegs pauschal" verwirft, zeigt, dass für Paulus das Evangelium "keine Form von Gegenkultur" darstellt, "die selbst wertneutrale Traditionen und Anstandsregeln zerschlagen müsste"[18]. Auch für uns heute besteht kein Wert darin, in unserer Kultur angenommenen Normen, welche dem Wort Gottes nicht widersprechen, prinzipiell zu widersprechen. Zuletzt lehren uns die Grüße der Briefe mit all ihrer Tiefe, die wir gerade gesehen haben, dass jeder Teil des Wortes Gottes wichtig ist, egal wie repetitiv und bedeutungslos er zuerst scheinen mag. Wir tun gut daran, dem Wort Gottes genaue Aufmerksamkeit zu schenken.

