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BibelauslegungMittel6. August 2026

Handel, Prahlerei und viele Götter – Korinth zur Zeit des Paulus

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Handel, Prahlerei und viele Götter – Korinth zur Zeit des Paulus

Um einen neutestamentlichen Brief gut zu verstehen, ist es oft hilfreich, sich einen kurzen Überblick über den historischen, kulturellen und geographischen Hintergrund der Stadt zu verschaffen, in der die Adressaten lebten. Der 1. Korintherbrief kreist letztlich um die Frage, „was es für eine christliche Gemeinschaft bedeutet, inmitten einer Kultur mit konkurrierenden Vorstellungen, Spiritualitäten und Göttern als Leib Christi zu leben. Jedes der vielen Themen und Fragen, die Paulus in dem Brief behandelt, steht im Zusammenhang mit den Herausforderungen, mit denen die korinthischen Gläubigen konfrontiert waren, während sie ihren Glauben in der griechisch-römischen Gesellschaft lebten."[1] Dabei geht es im Folgenden um den Hintergrund beider Korintherbriefe, auch wenn der erste im Vordergrund steht. Doch wie sah diese Kultur damals aus?

Geographisch

Das damalige Korinth war eine Großstadt, was besonders auch an seiner strategisch vorteilhaften Lage lag. Die Stadt bildete den Übergang „vom griechischen Festland zum Peloponnes und beherrschte zudem die Verbindung zwischen dem Ionischen und Adriatischen Meer im Westen und dem Ägäischen und Levantinischen Meer im Osten".[2]

Ihre Häfen an beiden Seiten des Isthmus – jener Landenge, die das Festland mit der Halbinsel verband – führten zu einem starken Handel,[3] der sich auch in Kultur und Gesellschaft widerspiegeln sollte. Dementsprechend kreuzten sich in Korinth viele Handelsrouten, denn Händler bevorzugten oft den Weg über die Landenge, um „die felsigen, sturmumtosten Kaps im Süden des Peloponnes zu vermeiden".[4] Witherington schreibt: „Korinth war somit der zentrale Kreuzungspunkt für den mediterranen Handel nach Osten und Westen und – in geringerem Maße – für Waren, die aus Ägypten oder anderen Teilen Nordafrikas an Orte nördlich von Korinth verschifft wurden."[5]

By EcoChap - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17550835
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Diese Lage bildet so einen wichtigen Hintergrund für vieles, was wir gleich noch im kulturellen Teil sehen werden.

Historisch

Die Geschichte Korinths reicht wohl mindestens bis ins 6. Jahrtausend vor Christus zurück. Besonders in der Zeit vor Paulus, im 2. Jahrhundert vor Christus, war es eine reiche griechische Stadt und sogar „eine führende Stadt des Achaiischen Bundes". 146 vor Christus wurde es dann allerdings unter der Führung des Generals Lucius Mummius aufgrund seines Widerstands gegen Rom zerstört und seine Bevölkerung in die Sklaverei verkauft; die Stadt blieb unbesiedelt bis zum Wiederaufbau im Jahr 44 vor Christus unter dem Befehl Julius Cäsars.[6]

Nun wurde sie jedoch als römische Stadt neu aufgebaut, wobei Cäsar die Kolonie mit drei Gruppen besiedelte: (1) Freigelassenen, (2) seinen eigenen Veteranen und (3) städtischen Gewerbetreibenden und Arbeitern.[7] Der „Unternehmergeist" und „ehrgeizige Antrieb" dieser Menschen sorgten dafür, dass „die Kolonie innerhalb von zwei Generationen zu einem blühenden Handelszentrum" wurde.[8] Eine solche Stadt war entsprechend offen für Neues, und das spielte sicherlich auch eine Rolle in der Entscheidung des Paulus, Athen zu verlassen und nach Korinth zu gehen. Denn während Athen „im Grunde eine Universitätsstadt" war, die tief in ihrer Vergangenheit verwurzelt neuen Ideen „mit Zurückhaltung" begegnete, war Korinth deutlich weltoffener.[9]

Geprägt war die Stadt dabei vor allem von Rom. „Die Stadtgemeinschaft und die Stadtkultur von Korinth" wurden „nach einem römischen und nicht nach einem griechischen Modell geformt".[10] So nahm auch die Architektur der Stadt ein römisches Erscheinungsbild an, und sie wurde von einer römischen Regierungsform mit römischen Amtsträgern regiert.[11] Zusammenfassend war die Stadt also griechisch-römisch geprägt.[12]

Wichtig ist dabei vor allem, dass das Korinth zur Zeit des Paulus eine verhältnismäßig junge Stadt war, welche sich ihren Wohlstand in wenigen Generationen selbst erarbeitet hatte. Auch dies prägte die Kultur, welche Paulus dort vorfinden sollte.

Kulturell

Die korinthische Kultur war für eine Gemeinde, die Jesus treu nachfolgen wollte, wohl durchaus herausfordernd.

Die Isthmischen Spiele

Korinth bildete in der damaligen Welt auch einen wichtigen Kulturort, unter anderem durch die Isthmischen Spiele. Diese zählten zu den großen panhellenischen Festen, „wurden zweijährlich gefeiert und brachten der Stadt erhebliche Einnahmen ein"[15] – unter anderem dadurch, dass sie eine Menge an kurzfristiger Arbeit schafften und den Verkauf von beispielsweise Zelten ankurbelten.[16] Dabei umfassten diese Spiele „das gesamte sportliche Programm sowie Pferderennen und Wettkämpfe im musischen Bereich (Theater, Literatur, Malerei)".[17]

Durch den Handel und durch Feste wie diese hielten sich also ständig Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen in Korinth auf. Generell kann man so sagen, dass das damalige Korinth einen kosmopolitischen Charakter aufwies. Die Münzfunde aus ganz verschiedenen Regionen, welche wohl dem weitreichenden Handel geschuldet sind, unterstreichen dies.[18]

Wirtschaftlicher Aufstieg und Prahlerei

Ein ganz wichtiger Aspekt der Kultur Korinths war außerdem von der wirtschaftlichen Lage der Stadt geprägt, die wir schon oben angeschnitten haben. Thiselton beschreibt so, wie die Kerngemeinschaft und die prägende Tradition der Stadtkultur von Handel, Wirtschaft und unternehmerischem Pragmatismus geprägt waren, ganz auf das Streben nach Erfolg ausgerichtet – auch wenn einige einen hohen Preis für geschäftliche Fehlschläge oder das Fehlen der richtigen Kontakte und Gelegenheiten zahlten.[24] Damit einher ging eine Kultur, die von Selbstdarstellung und Prahlerei gekennzeichnet war, ganz im Kontrast zum Apostel Paulus und seinem demütigen Auftreten dort. Besonders sichtbar wird dies auch im 2. Korintherbrief in der Einstellung der Gegner des Apostels Paulus: „Paulus' ‚Selbsterniedrigung, seine Übernahme einer Dienerrolle' stand in direktem Widerspruch zu den erwarteten und akzeptierten Werten der korinthischen Stadtkultur. ‚In einer Stadt, in der gesellschaftlicher Aufstieg eine Hauptbeschäftigung war, wurde Paulus' bewusster Abstieg im scheinbaren Status von vielen als verstörend, abstoßend und sogar provokant wahrgenommen.'"[25]

Rhetorik und Wahrheit

Ein letzter interessanter Aspekt des kulturellen Hintergrundes Korinths ist das Verhältnis zur Rhetorik, gerade aufgrund der Rolle, die diese noch im Konflikt des Paulus mit einer Gruppe in Korinth spielen sollte. Die Rhetorik war im Gegensatz zu früheren Ansätzen eine „reduktive und gekünstelte ‚instrumentelle' Rationalität und Rhetorik, die nicht nach Wahrheit, sondern nach Beifall und Erfolg sucht" – und doch wurde sie in Korinth wohl am höchsten geschätzt. So ging es oft mehr um rednerische Selbstdarstellung und den Wunsch nach Bewunderung als um die Sache selbst.[27]

Religion

Passend zu dem sonstigen Bild der Stadt war Korinth auch religiös divers geprägt. „In Korinth finden wir Tempel für Apollon, Aphrodite, Poseidon, Asklepios, Demeter und Kore. Auch andere Götter spielten eine prominente Rolle. Magie war zweifellos beliebt, und es gab reichlich Mysterienkulte, einschließlich der Verehrung von Isis und Sarapis."[28] Auch der Kaiserkult spielte wahrscheinlich eine wichtige Rolle in Korinth, wobei er gerade für Freigelassene attraktiv war, da diese in ihm eine herausragende Rolle einnehmen konnten und so an sozialem Status gewannen.[29] Sich zu Christus zu bekehren erforderte jedoch, sich von solchen Verbindungen zu lösen (vgl. 1Thess 1,9–10).[30]

Fazit

Zusammenfassend war Korinth also eine Stadt, welche stark von Handel, wirtschaftlichem Aufstieg und dem Streben nach Ansehen geprägt war. Manchen Lesern werden hier sicherlich die Parallelen zu unserer heutigen westlichen Gesellschaft auffallen. „[D]ie selbstgenügsame, selbstgefällige Kultur Korinths", gepaart mit „einer Obsession für Prestige in der eigenen Bezugsgruppe, Erfolg im Wettbewerb, ihrer Entwertung von Tradition und Universalien sowie einer Beinahe-Verachtung für all jene ohne Ansehen in einem jeweils gewählten Wertesystem", bildet in vielen Aspekten ein erschreckend ähnliches Bild zu unserer heutigen westlichen Gesellschaft, auch wenn man die historische Distanz und die Unterschiede natürlich beachten muss.[31] Dementsprechend sprechen die Korintherbriefe in eine Kultur hinein, die uns in vielem ähnlicher ist, als uns wahrscheinlich bewusst war.

Fußnoten

  1. [1]Derek R. Brown und E. Tod Twist, 1 Corinthians, hg. von John D. Barry und Douglas Mangum, Logos Research Commentaries (Bellingham, WA: Logos Bible Software, 2026).
  2. [2]Klaus Koenen u. a., WiBiLex: Das wissenschaftliche Bibellexikon (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 2025), Art. „Korinth".
  3. [3]A. Schlatter, „Korinth, Korintherbrief", in Calwer Bibellexikon: Biblisches Handwörterbuch illustriert, hg. von Paul Zeller (Calw; Stuttgart: Verlag der Vereinsbuchhandlung, 1912), 405.
  4. [4]Leon Morris, 1 Corinthians: An Introduction and Commentary, Bd. 7, Tyndale New Testament Commentaries (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1985), 19.
  5. [5]Ben Witherington III, Conflict and Community in Corinth: A Socio-Rhetorical Commentary on 1 and 2 Corinthians (Grand Rapids, MI: Wm. B. Eerdmans Publishing Co., 1995), 9.
  6. [6]Matthew S. Beal, „Corinth", in The Lexham Bible Dictionary, hg. von John D. Barry u. a. (Bellingham, WA: Lexham Press, 2016).
  7. [7]Anthony C. Thiselton, The First Epistle to the Corinthians: A Commentary on the Greek Text, New International Greek Testament Commentary (Grand Rapids, MI: W. B. Eerdmans, 2000), 3.
  8. [8]Jerome Murphy-O'Connor, „The Corinth That Saint Paul Saw", The Biblical Archaeologist 47, Nr. 3 (1984): 148, https://doi.org/10.2307/3209916.
  9. [9]Murphy-O'Connor, „The Corinth That Saint Paul Saw", 147.
  10. [10]Thiselton, First Epistle, 3–4.
  11. [11]Witherington, Conflict and Community, 6.
  12. [12]Witherington, Conflict and Community, 8.
  13. [13]S. z. B. Rachel M. McRae, „Eating with Honor: The Corinthian Lord's Supper in Light of Voluntary Association Meal Practices", Journal of Biblical Literature 130, Nr. 1 (2011): 167–168, https://doi.org/10.2307/41304193; Witherington, Conflict and Community, 17.
  14. [14]Thiselton, First Epistle, 7–8.
  15. [15]Thiselton, First Epistle, 10.
  16. [16]Witherington, Conflict and Community, 12.
  17. [17]Koenen u. a., WiBiLex, Art. „Korinth".
  18. [18]Thiselton, First Epistle, 6–7.
  19. [19]Thiselton, First Epistle, 710.
  20. [20]Joseph A. Fitzmyer, First Corinthians: A New Translation with Introduction and Commentary, Bd. 32, Anchor Yale Bible (New Haven; London: Yale University Press, 2008), 373.
  21. [21]Fitzmyer, First Corinthians, 373.
  22. [22]Thiselton, First Epistle, 711.
  23. [23]Fitzmyer, First Corinthians, 373.
  24. [24]Thiselton, First Epistle, 4.
  25. [25]Thiselton, First Epistle, 13.
  26. [26]Witherington, zitiert nach Thiselton, First Epistle, 8.
  27. [27]Thiselton, First Epistle, 14–15.
  28. [28]Thomas R. Schreiner, 1 Corinthians: An Introduction and Commentary, hg. von Eckhard J. Schnabel, Bd. 7, Tyndale New Testament Commentaries (London: Inter-Varsity Press, 2018), 2. Übersetzung des Verfassers.
  29. [29]Colin Miller, „The Imperial Cult in the Pauline Cities of Asia Minor and Greece", The Catholic Biblical Quarterly 72, Nr. 2 (2010): 329–330.
  30. [30]Witherington, Conflict and Community, 18.
  31. [31]Thiselton, First Epistle, 16–17.

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