Wer das Markusevangelium aufmerksam liest, dem wird die besondere Rolle der Wüste in den ersten Versen auffallen. Doch welche Bedeutung hat die Wüste theologisch, und warum betont Markus sie so stark?
Die ersten 13 Verse des Markusevangeliums scheinen sich vom Rest des Buches zu unterscheiden und eine Art Prolog zu bilden, ähnlich wie Johannes 1,1–18. Wie auch im Johannesevangelium wird dies unter anderem dadurch markiert, dass theologische Kernbegriffe begegnen, die im restlichen Evangelium deutlich seltener vorkommen. Der Prolog dient in gewisser Weise als Deutungsrahmen für den Rest des Buches und führt die zentralen Personen ein, getrennt von den Orten, an denen der Rest des Buches stattfindet.[1]
Bei Markus sind diese Begriffe insbesondere Wüste (ἔρημος) und Geist (πνεῦμα). Auch wenn sie später vereinzelt wieder begegnen, spielen sie im Prolog eine ganz besondere Rolle. Die Wüste wird als Erfüllung von Jesaja 40,3 eingeführt („Stimme eines Rufenden in der Wüste“), Johannes predigt in der Wüste und tauft dort auch Jesus, und direkt im Anschluss treibt der Heilige Geist Jesus in die Wüste, wo er mit Satan und den wilden Tieren konfrontiert wird.[2] France schreibt dazu: „Angesichts der Tatsache, dass das Substantiv ἡ ἔρημος im gesamten restlichen Markusevangelium gar nicht mehr vorkommt, scheint Markus erhebliche Anstrengungen zu unternehmen, um sicherzustellen, dass der Leser seines Prologs diesen besonderen Schauplatz bemerkt und die entsprechenden Schlüsse zieht.“[3] Die Wüste bringt dabei zwei besondere Konnotationen mit sich: Neuanfang und Prüfung.
Neuanfang
Für Israel war die Wüste mit einer besonderen Zeit verbunden: der Zeit, nachdem Gott es aus der Sklaverei in Ägypten befreit hatte. Jeremia schreibt darüber:
Geh und rufe vor den Ohren Jerusalems und sprich: So spricht der Herr: Ich gedenke dir die Zuneigung deiner Jugend, die Liebe deines Brautstandes, dein Wandeln hinter mir her in der Wüste, im unbesäten Land. 3 Israel war heilig dem Herrn, der Erstling seines Ertrags; alle, die es verzehren wollten, wurden schuldig: Unglück kam über sie, spricht der Herr.
Jeremia erinnert hier an die Wüstenzeit als eine Zeit der ersten Liebe, in der das Volk seinem Gott nachfolgte. Eben deshalb blieb die Wüste für die Propheten auch ein Ort möglicher Wiederherstellung. So steht in Hosea:
16 Darum siehe, ich werde sie locken und sie in die Wüste führen und zu ihrem Herzen reden; 17 und ich werde ihr von dort aus ihre Weinberge geben und das Tal Achor zu einer Tür der Hoffnung. Und sie wird dort singen wie in den Tagen ihrer Jugend und wie an dem Tag, als sie aus dem Land Ägypten heraufzog.
Auch bei Jesaja steht die von Markus zitierte Stelle nicht zufällig dort, wo sie steht: Sie leitet die kommenden Visionen einer eschatologischen Wiederherstellung ein. Die Wüste steht also für Neuanfang und ist ein theologisch besonderer Ort.[4] Dies passt auch zu dem Bild, das der Evangelist im ersten Kapitel sonst vermittelt. So schreibt er im ersten Vers:
Anfang des Evangeliums Jesu Christi, des Sohnes Gottes;
Schnabel schreibt passend dazu: „Das Markusevangelium berichtet vom Anfang der guten Nachricht über Jesus, den verheißenen Messias und einzigartigen Sohn Gottes. Das Auftreten und der Dienst sowohl von Johannes dem Täufer als auch von Jesus sind nicht bloß eine weitere Phase in der gottgelenkten Heilsgeschichte: Johannes und Jesus markieren einen neuen Anfang – den Beginn des verheißenen und lang ersehnten Heils für Israel und die Welt.“[5]
Die Wüste ist also ein Bild für Hoffnung und Neuanfang, passend zum Auftreten Jesu, der den Beginn des Reiches Gottes verkündete.
Prüfung
Das Alte Testament macht dabei auch deutlich, dass die Wüste für Israel zugleich ein Ort der Prüfung war. So steht geschrieben:
2 Und du sollst dich an den ganzen Weg erinnern, den der HERR, dein Gott, dich hat wandern lassen diese vierzig Jahre in der Wüste, um dich zu demütigen, um dich zu prüfen°, um zu erkennen, was in deinem Herzen ist, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht. 3 Und er demütigte dich und ließ dich hungern; und er speiste dich mit dem Man, das du nicht kanntest und das deine Väter nicht kannten, um dir kundzutun, dass der Mensch nicht von Brot allein lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was aus dem Mund des HERRN hervorgeht.
Gott prüfte Israel in dieser Zeit in der Wüste, und der häufige Unglaube des Volkes bildet ein wiederkehrendes Motiv der Bücher Mose. Auch bei Markus scheint dieses Motiv der Wüste als Ort der Prüfung anzuklingen, so schreibt der Evangelist:
12 Und sogleich treibt der Geist ihn hinaus in die Wüste. 13 Und er war vierzig Tage in der Wüste und wurde von dem Satan versucht (/geprüft); und er war unter den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.
Die explizite Angabe von vierzig Tagen, kombiniert mit dem Motiv des Geprüft- bzw. Versuchtwerdens (πειραζόμενος), macht es wahrscheinlich, dass die Wüstenwanderung Israels den theologischen Hintergrund bildet, vor dem diese Verse verstanden werden sollen.[6] So war es passend, „dass derjenige, der kommt, um Israel zu erlösen, selbst eine analoge ‚Prüfung‘ durchmacht“.[7] Cole kommentiert: „Die Bedeutung ist ganz klar, besonders mit Blick auf die darauffolgende Erzählung: Während Israel, Gottes Kind, in der Wüste versagte, triumphierte Jesus, Gottes Sohn.“[8]
Im Prolog laufen damit beide Linien zusammen: Der verheißene Neuanfang beginnt genau dort, wo Israel einst geprüft wurde und versagte. Das ist für uns Christen ein Grund zur Anbetung und zur Freude. Das Kommen Jesu schuf einen Neuanfang, dessen Ausmaß wir oft unterschätzen. Dass der Sohn Gottes kam, sollte uns zum Staunen bringen und uns seine Liebe neu bewusst machen. Zugleich hilft es uns, in unserem eigenen Versagen auf den zu schauen, der in all seinen Prüfungen Gott verherrlichte und nicht versagte.

