Heute möchten wir uns kurz mit einer Passage aus dem Markusevangelium befassen, die vom Anfang des Dienstes Jesu handelt, und zwar Markus 1,35–39:
Und frühmorgens, als es noch sehr dunkel war, stand er auf und ging hinaus; und er ging hin an einen öden Ort und betete dort. [36] Und Simon eilte ihm nach, mit denen, die bei ihm waren; [37] und sie fanden ihn und sagen zu ihm: Alle suchen dich. [38] Und er spricht zu ihnen: Lasst uns woandershin gehen in die nächsten Ortschaften, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich ausgegangen. [39] Und er predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.
In dem größeren Narrativ des Markusevangeliums befinden wir uns hier nach einem vollen Tag Jesu. Nachdem er am Sabbat in der Synagoge gelehrt (Mk 1,21–22), dort einen Dämon ausgetrieben (Mk 1,23–28), anschließend im Haus des Petrus die Schwiegermutter geheilt (Mk 1,29–31) und am Abend noch viele verschiedene Personen geheilt hatte (Mk 1,32–34), beschreibt uns Markus den nächsten Morgen. Da Jesus in allem unser Vorbild ist, möchten wir aus diesem kurzen Bericht von unserem Meister lernen.
Jesu Gebet
Das Gebetsleben Jesu im Markusevangelium ist bemerkenswert, da es an drei Stellen auftaucht, an denen er betet: am Anfang seines Dienstes in der Stelle hier, in der Mitte seines Dienstes (Markus 6,46) und am Ende seines Dienstes in Gethsemane (Markus 14,32–42). Dass das Gebet besonders in „entscheidenden Wendepunkten" und „in Krisenmomenten der Erzählung" erscheint, weist wohl auf die Wichtigkeit des Gebets für Jesus hin.[1] Obwohl Markus also weniger als zum Beispiel Lukas das Gebetsleben Jesu beschreibt, erwartete er vielleicht von seinen Lesern, „dass sie die Gebetsdimension im Dienst Jesu als selbstverständlich voraussetzen".[2] Umso mehr lohnt es sich, die erste dieser drei Stellen genauer anzusehen.
Das griechische πρωῒ ἔννυχα λίαν (frühmorgens, als es noch sehr dunkel war) ist eine sehr anschauliche Beschreibung, die dafür sorgt, dass dieser Punkt besonders betont wird. Dies kann mehrere Gründe haben. Zum einen erklärt diese Notiz, warum es Jesus möglich war, aus der Stadt zu kommen, ohne dass viele Leute ihm folgten – was angesichts der vielen Menschenmengen, die Jesus immer auf sich zog, sicherlich ein Aspekt der Erklärung ist. Zum anderen fällt aber auch auf, dass Jesus sich selbst nach einem so vollen Tag, wie wir ihn gerade betrachtet haben, keine lange Ruhe nimmt, sondern das Gebet zur Priorität macht. Cole merkt passend an:
Nach einem ereignisreichen Sabbat voller Gottesdienst und Dienst in der Synagoge, zu einer Zeit, in der andere vielleicht Ruhe und Erholung suchten, wandte sich Jesus im stillen Gebet an Gott.[3]
Des Weiteren fällt auf, dass Markus anmerkt, dass Jesus „an einen öden Ort" ging. Zum einen war dies wohl dem geschuldet, dass „[i]n solchen antiken Städten mit ihren engen Gassen und den einfachen Einraumhäusern, in denen manchmal zehn oder zwanzig Menschen lebten, […] es nahezu unmöglich [war], einen Ort zu finden, an dem man allein sein konnte". So bestanden „[d]ie meisten Häuserblocks […] aus vier Wohnbereichen, die alle auf einen gemeinsamen Innenhof ausgerichtet waren", und die Dörfer in Galiläa „lagen gewöhnlich nah beieinander". In den Hügeln außerhalb der Ortschaften konnte man frühmorgens jedoch die Einsamkeit finden, die in der Stadt selbst nicht möglich war.[4] Zum anderen diente wohl auch die Tatsache, dass er „frühmorgens, als es noch sehr dunkel war" aufstand, dem Zweck, ungestört Gemeinschaft mit Gott zu haben. Wahrscheinlich war dies zwischen 3 und 6 Uhr morgens und ist, wie schon angemerkt, vor dem Hintergrund des vorherigen Tages bemerkenswert.[5] Dass Jesus sich allein oder mit seinen Jüngern von der Volksmenge zurückzieht, ist dabei ein wiederkehrendes Motiv im Markusevangelium (s. Mk 1,45; 3,13; 6,31–32.46; 7,24; 8,27; 9,2.30–31).[6]
Poole schreibt so passend:
Christus wählt hierfür [d. h. für das private Gebet] den Morgen als die Zeit, die am freisten von Ablenkungen und Gesellschaft ist, und einen einsamen Ort als den geeignetsten für eine stille Pflicht.[7]
Dies lehrt uns, auch inmitten stressiger Zeiten die ungestörte Gemeinschaft mit Gott immer wieder zu priorisieren. „Markus erinnert gleich am Anfang daran, daß Jesu Leben und Werk nicht einzig in dem bestand, was er den Menschen gab, sondern daß darüber das steht, was er betend nach oben hin zum Vater sprach und tat."[8]
Jesu Vorstellungen und die seiner Jünger
Dass die Jünger ihn suchten und fanden, kann darauf hindeuten, dass dies ein Ort war, an dem sie schon öfter gemeinsam gewesen waren. Das Wort καταδιώκω, das in der Elberfelder CSV mit „nacheilen" übersetzt wird, ist nicht gewöhnlich und wird eher in negativen Kontexten gebraucht,[9] so kann es auch „verfolgen" oder „nachjagen" bedeuten.[10] „Hier drückt es vermutlich das eifrige (und besorgte, vielleicht sogar verärgerte?) Suchen der Jünger aus; sie ‚spürten ihn auf'."[11]
Die Jünger erleben jedoch, und das sollte nicht das letzte Mal bleiben, „daß ihre Gedanken nicht die seinen, sein Wille nicht der ihrige war".[12] So unterschied sich Jesu Vorstellung vom Reich Gottes und davon, wie es aufgerichtet werden würde, grundlegend von der seiner Jünger und auch von der der Volksmengen. „Während sie natürlicherweise der gewöhnlichen menschlichen Logik folgen würden, Popularität auszunutzen und auf dem Erfolg im vertrauten Umfeld aufzubauen, wird die Nachfolge Jesu für sie zunehmend bedeuten, dass sie sich völlig neu orientieren müssen."[13]
Wahrscheinlich wollte der Herr nicht als Wundertäter bekannt werden;[14] vielleicht sah er auch, dass die Mengen ihn aus falschen Motiven suchten, um nur Heilung für ihren Körper zu bekommen oder aus reiner Neugier Wunder zu sehen.[15] Auf jeden Fall ließ er Kapernaum erst einmal hinter sich und zog weiter, um das Evangelium auch in anderen Städten zu predigen.
Wir sehen also, dass unsere Vorstellungen denen des Herrn oft grundsätzlich widersprechen können, und der Prozess der Jüngerschaft besteht dabei darin, unsere Vorstellungen immer mehr denen des Herrn anzugleichen.
Jesu Auftrag
Jesu Antwort an seine Jünger beinhaltet sowohl eine geographische Aufforderung als auch eine Aussage über seine generelle Mission. Solche Aussagen darüber, wofür Jesus gekommen ist, finden wir besonders im Johannesevangelium (Joh 8,42; 16,27–28), aber auch bei Markus (Mk 2,17; 10,45). Sie weisen auf sein Kommen in die Welt als ewiger Sohn Gottes mit einem klaren Auftrag hin. Zum Ende seines Lebens hin kann Jesus so sagen:
4 Ich habe dich verherrlicht auf der Erde; das Werk habe ich vollbracht, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte.
Jesus hatte den Vater durch sein Leben und seinen Dienst in vollkommener Weise gezeigt und sollte dies noch in ganz besonderer Weise am Kreuz tun.[16]
Der Auftrag, den Jesus hier ganz konkret nannte, war, „die gute Nachricht vom Kommen des Reiches Gottes und die Notwendigkeit, dass die Menschen mit Umkehr und Glauben darauf antworten (1,14–15)" zu verkündigen – und das nicht nur in Kapernaum, sondern in ganz Galiläa.[17]
Als Christen ist der Herr Jesus so auch darin ein Vorbild für uns, den Auftrag Gottes in dieser Welt zu erfüllen. Denn auch wir sind von Gott berufen, und zwar ein Licht in der Welt zu sein (Mt 5,14) und die Nationen zu Jüngern zu machen (Mt 28,18–20). Ebenso sollten wir dies treu erfüllen.
Fazit
Zusammenfassend können wir also von unserem Meister lernen, und zwar in der Weise, wie er betete, und in der Entschiedenheit, mit der er dem Auftrag Gottes folgte. An dem wohl eher negativen Beispiel der Jünger können wir dagegen erkennen, wie unsere Vorstellungen oft nicht deckungsgleich mit den Plänen Gottes sind – und in diesem Prozess dürfen wir wachsen, immer mehr so zu denken wie der Herr.


