Theologie4. Mai 2025

„Aus Wasser und Geist“ – Was meinte Jesus in Johannes 3,5?

In Johannes 3,5 sagt Jesus etwas, das oft diskutiert wurde:
„Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes eingehen.“

Was bedeutet das – besonders das „Wasser“? Manche sagen, es gehe um die Taufe. Andere meinen, es sei ein Bild für etwas anderes. In diesem Artikel schauen wir uns die wichtigsten Deutungen an und überlegen, welche am besten zum Text passt.

Zwei große Gruppen von Deutungen

Die Auslegungen lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen:

„Wasser“ steht für die Taufe

„Wasser“ steht für die Taufe

„Wasser“ steht nicht für die Taufe

„Wasser“ steht nicht für die Taufe

Ich stelle dir beide Gruppen vor – und sage am Ende, welche Erklärung mir am überzeugendsten erscheint.

Sichtweisen, die „Wasser“ mit der Taufe verbinden

a) Die christliche Wassertaufe

Der Theologe Heinrich Meyer meint: Mit „Wasser“ ist die christliche Taufe gemeint. Dabei sei das Wasser das Mittel, durch das etwas geschieht (lat. causa medians), der Geist aber die eigentliche Kraft dahinter (lat. causa efficiens).¹ Beide zusammen würden dann zur Wiedergeburt führen, so Meyer.

Kritik:
Diese Sicht ist weit verbreitet – aber problematisch. Die christliche Taufe gab es zur Zeit des Gesprächs mit Nikodemus noch gar nicht. Warum sollte Jesus also davon sprechen? Nikodemus hätte das kaum verstehen können und trotzdem fordert Jesus ihn indirekt dazu auf. Außerdem spricht Jesus in den nächsten Versen (V. 6 und 8), die sich ebenfalls auf die neue Geburt beziehen, nur noch vom Geist – nicht mehr vom Wasser. Das legt nahe, dass Jesus hier nicht von einem äußeren Ritual spricht.

b) Die Taufe des Johannes

Ein anderer Vorschlag kommt von A.T. Robertson, einem Experten für das Griechische. Er meint: Jesus spricht von der Taufe des Johannes – also einer Bußtaufe, bei der Menschen ihre Schuld bekannten.³

Auch das Expositor’s Greek Testament deutet die Johannes-Taufe als Symbol dafür, dass man sich von seiner alten Lebensweise abwendet und erkennt, dass man Reinigung braucht.⁵ Vielleicht wollte Jesus damit zeigen: Es geht nicht um äußere Abstammung oder jüdische Herkunft, sondern um eine innere Erneuerung.

Kritik:
Gott spricht in Hesekiel 36,25–27 davon, dass er sein Volk mit reinem Wasser reinigen und ihnen seinen Geist geben wird. Diese Stelle ist ziemlich sicher der Hintergrund, vor dem Jesus die Worte in Johannes 3,5 spricht, denn

Beide Stellen verbinden das Empfangen des Geistes und Wasser

Beide Stellen verbinden das Empfangen des Geistes und Wasser

Jesus erwartet von Nikodemus als dem Lehrer Israels, seine Worte zu verstehen (Joh 3,10). Diese alttestamentliche Stelle hat er sicherlich gekannt.

Jesus erwartet von Nikodemus als dem Lehrer Israels, seine Worte zu verstehen (Joh 3,10). Diese alttestamentliche Stelle hat er sicherlich gekannt.

Das „Besprengen mit reinem Wasser“ ist ein Bild in dieser Stelle in Hesekiel. Es erinnert an Reinigungsrituale aus dem Alten Testament – zum Beispiel daran, wie man sich von der Unreinheit durch den Tod reinigen musste. Dabei wurde Wasser verwendet, das mit der Asche einer roten Kuh vermischt war (vgl. Num 19,17–19; Ps 51,9).⁶

Das „Besprengen mit reinem Wasser“ ist ein Bild in dieser Stelle in Hesekiel. Es erinnert an Reinigungsrituale aus dem Alten Testament – zum Beispiel daran, wie man sich von der Unreinheit durch den Tod reinigen musste. Dabei wurde Wasser verwendet, das mit der Asche einer roten Kuh vermischt war (vgl. Num 19,17–19; Ps 51,9).⁶

Auch wenn es Ähnlichkeiten zur Taufe des Johannes gibt, meint Hesekiel in erster Linie kein äußeres Ritual, sondern eine innere Reinigung – bewirkt durch Gottes Geist. Das passt auch gut zum Zusammenhang der Verse 24 bis 27. Deshalb ist es eher unwahrscheinlich, dass Jesus in Johannes 3,5 auf die Taufe des Johannes anspielt. Vielmehr erinnert die Verbindung zu Hesekiel daran, dass es um eine tiefgreifende geistliche Erneuerung geht.

Sichtweisen, die „Wasser“ nicht mit der Taufe verbinden

a) Wasser als natürliche Geburt

Ein weiterer Vorschlag kommt vom Theologen Willem H. Oliver. Er meint: „Wasser“ steht für die natürliche Geburt – also das Fruchtwasser, das bei der Geburt eine Rolle spielt.⁷

Seine Argumente:

In Vers 6 erklärt Jesus, dass es zwei Arten von Geburt gibt: eine aus Fleisch (natürlich) und eine aus Geist (geistlich). Das passt zu „Wasser und Geist“ in Vers 6.

In Vers 6 erklärt Jesus, dass es zwei Arten von Geburt gibt: eine aus Fleisch (natürlich) und eine aus Geist (geistlich). Das passt zu „Wasser und Geist“ in Vers 6.

Nikodemus dachte wohl, dass es reicht, als Jude geboren zu sein, um zu Gott zu gehören. Jesus widerspricht dem.

Nikodemus dachte wohl, dass es reicht, als Jude geboren zu sein, um zu Gott zu gehören. Jesus widerspricht dem.

Auch einige Kirchenväter sagen, dass man erst physisch geboren sein muss, bevor man geistlich wiedergeboren werden kann.⁷

Auch einige Kirchenväter sagen, dass man erst physisch geboren sein muss, bevor man geistlich wiedergeboren werden kann.⁷

Kritik:
Diese Sicht hat Schwächen. Es gibt kaum Belege dafür, dass „Wasser“ zur Zeit Jesu ein bekanntes Bild für die natürliche Geburt war. Der einzige Hinweis stammt aus einem späteren jüdischen Text (4. Esra, ca. 100 n. Chr.).⁸

Außerdem zeigt die enge Verbindung zwischen Johannes 3,3 („wiedergeboren“) und Johannes 3,5 („aus Wasser und Geist geboren“), dass Jesus wohl nicht von zwei getrennten Geburten spricht – sondern von einer einzigen, geistlichen Geburt.⁹

3. Wasser als Reinigung durch den Geist

Hier kommt die Deutung, die mir am schlüssigsten erscheint. Sie stammt von Auslegern wie Matthew Poole und Johannes Calvin. Beide sagen: Das „Wasser“ steht symbolisch für die reinigende Wirkung des Heiligen Geistes.

Poole verweist auf alttestamentliche Texte wie Jesaja 44,3 oder Hesekiel 36,25–27, die zeigen, wie Gott sein Volk innerlich reinigt.¹⁰

Calvin schreibt:

„Das Wasser bedeutet nichts anderes als die inwendige Reinigung und Belebung durch den heiligen Geist.“¹¹

Er betont auch: In den folgenden Versen spricht Jesus nur noch vom Geist – das zeigt, dass „Wasser“ und „Geist“ zusammengehören und beide das Wirken Gottes beschreiben.

Fazit: Was bedeutet Johannes 3,5?

Wenn man sich alle Auslegungen anschaut, wird deutlich: Die symbolische Deutung – Wasser als Bild für die Reinigung durch den Geist – passt am besten. Sie ist biblisch begründet (Hesekiel 36), verständlich im damaligen jüdischen Kontext, und sie erklärt, warum Jesus in den folgenden Versen nur noch vom Geist spricht.

Jesus fordert Nikodemus also nicht zu einer rituellen Handlung auf, sondern zu einer tiefen, inneren Erneuerung. 

Fußnoten

Heinr. Aug. Wilh. Meyer, Kritisch Exegetisches Handbuch über das Evangelium des Johannes, 5. Aufl. (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1869), 156–157.

Heinr. Aug. Wilh. Meyer, Kritisch Exegetisches Handbuch über das Evangelium des Johannes, 5. Aufl. (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1869), 156–157.

A.T. Robertson, Word Pictures in the New Testament (Nashville: Broadman Press, 1933), Joh 3,5.

A.T. Robertson, Word Pictures in the New Testament (Nashville: Broadman Press, 1933), Joh 3,5.

Ebd.

Ebd.

Expositor’s Greek Testament, Kommentar zu Joh 3,5 – https://biblehub.com/commentaries/john/3-5.htm

Expositor’s Greek Testament, Kommentar zu Joh 3,5 – https://biblehub.com/commentaries/john/3-5.htm

Carl Friedrich Keil, Biblischer Commentar über den Propheten Ezechiel, 2. Aufl., Bd. 3 (Leipzig: Dörffling und Franke, 1882), 354.

Carl Friedrich Keil, Biblischer Commentar über den Propheten Ezechiel, 2. Aufl., Bd. 3 (Leipzig: Dörffling und Franke, 1882), 354.

Ambrosius, On the Holy Spirit 3.10.59 (ed. Schaff 1885q).

Ambrosius, On the Holy Spirit 3.10.59 (ed. Schaff 1885q).

Don Carson, What Does ‘Born of Water and the Spirit’ Mean in John 3:5?, https://www.thegospelcoalition.org/essay/born-of-water-and-the-spirit/.

Don Carson, What Does ‘Born of Water and the Spirit’ Mean in John 3:5?, https://www.thegospelcoalition.org/essay/born-of-water-and-the-spirit/.

Ebd.

Ebd.

Matthew Poole, Annotations upon the Holy Bible, Bd. 3 (New York: Robert Carter and Brothers, 1853), 290.

Matthew Poole, Annotations upon the Holy Bible, Bd. 3 (New York: Robert Carter and Brothers, 1853), 290.

Johannes Calvin, Das Evangelium des Johannes, übers. von August Wilhelm Fürer, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift (Logos Bible Software, 2024), Joh 3,5.

Johannes Calvin, Das Evangelium des Johannes, übers. von August Wilhelm Fürer, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift (Logos Bible Software, 2024), Joh 3,5.